Buchtitel

Biografisches Theater

Vor etlichen Jahren durfte ich an einem Workshop mit Pam Schweitzer im Rahmen der Bundestagung des Bundesverbandes Theaterpädagogik e.V. teilnehmen, der mich sehr beeindruckt hat.

Schon der Einstieg war interessant:

Frage im Kreis: was ist in der letzten Woche passiert? Thomas sagt: Mein Fahrrad ist am Bahnhof gestohlen worden.

Nacheinander stellen alle Teilnehmenden (TN) im Kreis eine Haltung in dieser Situation (= Standbild).

Standbilder Beispiel
Standbilder bauen

Bemerkung der „Statuen“: Hier kann durch die eigene Haltung sofort das Erlebnis einer anderen Person geteilt werden.

Bemerkung des Erzählers: Ich sehe eine andere und doch ähnliche Darstellung meines Erlebnisses. (=> Wiedererkennen und Überraschung).

Thema Kindheit

Bauernhof
Bauernhof (Foto: Michael Vines, Quelle)

In 2er-Gruppen führt ein/e TN die andere durch einen Ort der Kindheit und erklärt, was ihn mit ihr verbindet. Die Führerin nimmt den anderen dabei buchstäblich an der Hand und durchläuft mit ihm das imaginierte Haus oder den Platz.

Dadurch bleibt es nicht nur eine Erzählung, sondern wird schon (für beide) konkret physisch im Raum erlebbar.

In 4er-Gruppen erzählen die TN nacheinander den anderen von dem Ort, an den sie geführt worden sind. Das kann auch in der Ich-Form geschehen. D.h. schon hier findet ein weiterer Perspektivwechsel statt, der den Zuhörenden die Kindheitserzählung eines/r anderen nahebringt und dem/ der Urheberin einen neuen Blick auf das selbst Beschriebene.

Eine Szene aus den Erzählungen wird ausgewählt , in der Gruppe szenisch umgesetzt und vorgestellt. Wieder entsteht eine Interpretation der Geschichte. Die Unterschiede und Übereinstimmungen zu entdecken, kann eine große Erfahrung für die Urheberin sein und ihm/ ihr einen neuen Blick auf alte Erlebnisse geben.

Bemerkung der Zuschauenden: Oft handelt es tatsächlich sich um Geschichten, die alle kennen („Kindheits-Themen“)

Thema Großeltern

Rentnerehepaar
Großeltern (Foto: Pavlofox, Quelle)

Bernd erzählt uns dreien (wie Enkeln, am Boden sitzend) aus seiner eigenen Perspektive heraus über seinen Großvater. Blätter und Stifte werden ausgeteilt, der Großvater wird gezeichnet (hier: mit großen Händen, Messer, Pfeife und Lederhosen).

 

Eine Szene aus der Erzählung wird ausgewählt, gemeinsam dargestellt und aufgeführt.

Bemerkung von Bernd: Die gespielte Szene zu sehen, war eine große Hommage an meinen Großvater.

In der Tat ist die Auseinandersetzung mit der eigenen oder auch der anderen Biografie ein deutlicher Akt der Wertschätzung. Der eigene Werdegang bekommt Bedeutung im Zusammenspiel mit den ergänzenden Erzählungen der anderen. Theater ist hier eine ganz erfahrbare Art, sowohl private Geschichte als auch die Einbettung in die jeweilige Zeit konkret zu erleben. Durch den theaterimmanenten Perspektivwechsel gelingt das ganz ausgezeichnet. Und ist auch für die Zuschauenden erhellend.

Buchtipp: Pam Schweitzer (Hg.), Reminiscence Theatre: Making Theatre from Memories, Jessica Kingsley Publishers 2006, z.B. hier.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.