Demenz und die Folgen – am Beispiel von König Lear
Das grenzt schon an Besessenheit – aber der „König Lear“ birgt so viele unterschiedliche tiefe, menschliche Themen, dass die Geschichte noch lange nicht auserzählt ist (und vermutlich noch viele unerwartete Regiekonzepte hervorbringen wird).
Das Thema Demenz ist in dem Stück eigentlich auffallend präsent. Dennoch wird der König oft zunächst als machtbesessen und narzisstisch gezeigt, während er erst nach der Abweisung durch die Töchter auf der Wanderung im Wald dem Wahnsinn verfällt.
Eine Zusammenfassung und Übersicht des Inhalts gibt es in dem Beitrag König Lear als Modell für Aufstellung und Training.
In dieser Lesart hier (also für diesen Beitrag) ist er schon von Anfang an nicht mehr ganz Herr seiner Sinne. Die Tatsache, dass er sein Reich unter seinen Töchtern aufteilen will, spricht dafür, dass er sich seiner Situation sehr wohl bewusst ist. Das Alter (davon spricht er) hat ihn im Griff, aber eben auch die Stimmungsschwankungen und impulsiven Ausbrüche als Folge seiner Demenz (die er jedoch erst im schlimmsten Niedergang begreift).
Zum Schluss verliert er übrigens alles. Dennoch hätte er nicht aufgehalten werden können, ganz abgesehen von seiner Stellung als König. Einen Vormund, der für ihn die Entscheidungen trifft, muss in der Gegenwart von einem Betreuungsgericht angeordnet werden…
Hier folgen zwei Belege für die Demenz-Interpretation:
Diese Texte bringen für mich diese Verzweiflung, in der sich die Figuren in der Folge des Alters-Wahnsinns befinden, ganz besonders auf den Punkt, deshalb stelle ich sie hier vor.
- Cordelia, die erwachsene Tochter, die sich um ihren verwirrten Vater sorgt.
- König Lear, der die Welt nicht mehr versteht.
Cordelia (IV. Akt, 4. Szene)
All ihr gesegneten,
All ihr geheimen Wirkkräfte dieser Welt,
Sprießt, wo ich weine! Heilsam seid und helfend
In dieses Mannes Not! Sucht, sucht nach ihm,
Eh seine wirre Wut das Leben auflöst,
Das sich nicht selbst mehr führn kann.
(…)
Gütige Götter, ihr, heilt ihm
Den Bruch seiner missbrauchten Menschnatur!
Den disharmonisch schrillen Geist stimmt neu
Im kindgewordnen Vater.
König Lear (IV. Akt, 7. Szene)
Bitte, mich nicht verspotten:
Ich bin ein närrisch blöder alter Mann,
Achtzig und drüber; kein Stündchen mehr noch weniger;
Und, dass ich’s recht sag,
Ich fürchte, ich bin nicht ganz bei Verstand.
Mir ist, ich sollt Sie kennen und den Herrn;
Doch weiß ich nicht so recht: denn ich begreif gar nicht,
Wo ich hier bin, und müh mich, wie ich will,
Kenn ich die Kleidung nicht; noch weiß ich, wo
ich letzte Nacht schlief. Lacht nicht über mich;
Denn ich, so wahr ich Mensch bin, denk, die Dame,
Die wär mein Kind Cordelia.
(…)
Sind deine Tränen nass? Ja, wirklich. Bitt dich, nicht weinen:
Wenn du Gift für mich hast, ich will es trinken.
Ich weiß, du liebst mich nicht; denn deine Schwestern,
Erinnert’s mich, die taten mir viel Unrecht:
Du hast schon Grund, die nicht.
…
Musst Nachsicht mit mir haben.
Bitt euch, vergesst und vergebt: ich bin alt und närrisch.(Übersetzung: Frank Günther)
Für mich ist das immer wieder herzzerreißend.
Titelbild: Erstellt mit Adobe Firefly: „ein großer dunkler wald im regen, wild und mächtig, davor ein alter mann, mit dem rücken zum publikum, etwas verfremdet“.



